junge Welt
Nach einer letzten Nachtsitzung konnten die Spitzen von CDU, CSU
und FDP am Sonnabend Vollzug melden. Der von den
Verhandlungsführern unterzeichnete und den
Bundestagsfraktionen gebilligte Koalitionsvertrag mit dem Titel
»Wachstum. Bildung. Zusammenhalt« wurde in Berlin
offiziell vorgestellt.
Im Mittelpunkt der ersten Phase der Legislaturperiode sollen
schuldenfinanzierte Steuergeschenke für Unternehmen und
Besserverdienende in Höhe von insgesamt 40 Milliarden Euro
stehen. Ab 2011 sollen dann Umverteilungen in den Sozialsystemen in
Angriff genommen werden. Dazu gehören die partielle
Einführung von »Kopfpauschalen« bei der Kranken-
und die Teilprivatisierung der Pflegeversicherung. Weitere zentrale
Vorhaben wie die geplanten Eingriffe in das Arbeits- und
Betriebsverfassungsrecht und die Neuordnung der
Kommunalfinanzierung wurden zunächst auf Eis gelegt und sollen
an »Expertenkommissionen« delegiert werden. Für
bereits vereinbarte gesetzliche Branchenmindestlöhne wurde ein
»Prüfauftrag« erteilt. Angesichts von sechs
Landtagswahlen bis Ende 2011 erscheint dieses zögerliche
Vorgehen auch angebracht zu sein.
Erwartungsgemäß ließen die Oppositionsparteien
kein gutes Haar an der Vereinbarung. Linksfraktionschef Gregor Gysi
sprach am Sonntag von einer »Koalition der sozialen Spaltung,
Tricksereien und neoliberalen Entstaatlichung«.
Entsolidarisierung werde »zur Staatsräson des
schwarz-gelb regierten Deutschland«. Grünen-Chefin
Claudia Roth bezeichnete die Vereinbarung auf dem Bundesparteitag
ihrer Organisation in Rostock als »unsozial, unbezahlbar und
unverbesserlich«. Die neue Bundesregierung sei »das
ökologische, verkehrs-, energie- und klimapolitische
Worst-of-Szenario«.
Auch aus der CDU war vereinzelt Kritik zu vernehmen. Der
stellvertretende baden-württembergische Landesvorsitzende
Thorsten Frei bezeichnete es als »sehr bedenklich, in der
aktuellen Haushaltssituation sein Heil in Steuersenkungen zu
suchen«. Daß dafür neue Schulden in gigantischem
Umfang aufgenommen werden, habe ihn
»erschüttert«.
Zufrieden äußerten sich dagegen
Unternehmervereinigungen. Der Präsident des Bundesverbands der
Deutschen Industrie, Hans-Peter Keitel, sprach von einem
»ermutigenden Signal für die deutsche Wirtschaft«.
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt lobte: »Endlich werden
die drängenden Finanzierungsprobleme in der
Sozialversicherung angegangen.« Erfreulich sei auch,
daß »Leistungsträger« mehr »Netto vom
Brutto« erhalten sollen. Er bedauerte allerdings, daß
die Koalition »keine weitergehenden Schritte zur
Flexibilisierung des Arbeitsrechts beschlossen« habe. Der
Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft
(BVMW), Mario Ohoven, hob hervor, steuerpolitisch seien
»langjährige Forderung seines Verbandes
erfüllt« worden. Ohoven lobte besonders das Vorhaben,
die Erbschaftssteuer durch eine Verkürzung der Behaltefrist
und eine Reduzierung der Lohnsumme im Sinne der
Unternehmensnachfolge zu »entschärfen«.
Uneingeschränktes Lob kaum auch von den Lobbyverbänden
der Pharmaindustrie, der Apotheker, der niedergelassenen
Ärzte, der privaten Krankenversicherer und des Hotel- und
Gaststättengewerbes, deren Klientel von den Steuer- und
Beitragsplänen der Regierung unmittelbar profitieren wird.
Blankes Entsetzen prägte dagegen die Stellungnahmen von
Sozial- und Umweltverbänden. Greenpeace sprach von einem
»klaren Versagen in der Umweltpolitik« und kritisierte
besonders die Beschlüsse zur Verlängerung von
AKW-Laufzeiten und der verstärkten Förderung der
Gentechnik.