Von Rainer Balcerowiak, junge Welt
Eine Marschformation der besonderen Art paradierte am Montag vor
dem Bundesverteidigungsministerium in Berlin-Mitte. Das
»erste Staubfängerbataillon der IG BAU« war
angetreten, um ein »feierliches Gelöbnis«
abzulegen. Versprochen wurde in Anwesenheit des DGB-Vorsitzenden
Michael Sommer, »keine Ruhe zu geben, bis dieser Arbeitskampf
erfolgreich beendet ist.«
Der Ort für dieses Happening war nicht zufällig
gewählt. Kaum war die Rechtsverordnung über einen
gesetzlichen Mindestlohn für das Gebäudereinigerhandwerk
am 1.Oktober ausgelaufen, verlangte die Standortverwaltung Potsdam
der Bundeswehr von Reinigungsdienstleistern im Rahmen einer
laufenden Ausschreibung unter Hinweis auf die neue tarifliche
Situation eine »veränderte
Angebotskalkulation«. Für die IG BAU ist das in
mehrfacher Hinsicht ein Skandal. Zum einen mache sich ein
öffentlicher Auftraggeber wie die Bundeswehr damit zum aktiven
Vorreiter für Dumpinglöhne und greife in eine laufende
Tarifauseinandersetzung ein, so der stellvertretende
IG-BAU-Bundesvorsitzende Dietmar Schäfers gegenüber jW.
Außerdem sei die Aufforderung »schlicht
rechtswidrig«, da Tarifverträge auch nach ihrem
Auslaufen eine Nachwirkung haben.
Die an das Bundesverteidigungsministerium gerichtete Aufforderung,
die Potsdamer Standortverwaltung bis zum 23. Oktober
zurückzupfeifen, blieb zunächst unbeantwortet. Erst am
Montag erhielt die Gewerkschaft Post vom Noch-Minister Franz Josef
Jung (CDU). Man habe die gesetzlich fixierte Nachwirkung
»leider zu spät gesehen«, entschuldigte sich der
künftige Arbeitsminister. Mittlerweile seien aber alle Bieter
vom Bundeswehrdienstleistungszentrum informiert und angehalten
worden, »die Mindest- und Tariflöhne der Branche nicht
zu unterschreiten«. Für Schäfer ist das ein
»erster Erfolg«. Doch von einem Durchbruch in der
laufenden Tarifauseinandersetzung sei man noch weit entfernt.
Die Fronten sind verhärtet. Die Gewerkschaft fordert für
die rund 850000 Gebäudereiniger 8,7 Prozent mehr Lohn und die
stufenweise Angleichung der Osttarife an das Westniveau. Die
Unternehmerverbände haben nach IG-BAU-Berechnungen bislang
lediglich zwei bzw. 1,7 Prozent jährliche Tarifsteigerungen
für Ost- und West-Beschäftigte bei einer Laufzeit von 27
Monaten angeboten. Zur Zeit betragen die Mindeststundenlöhne
8,15 Euro im Westen und 6,58 Euro im Osten. Im August hatte die
Gewerkschaft die Verhandlungen für gescheitert erklärt,
im September wurde die Urabstimmung eingeläutet, bei der sich
96,7 Prozent der Teilnehmer für unbefristete
Arbeitskampfmaßnahmen aussprachen.
Der niedrige Organisationsgrad und die kleinteilige Struktur der
Branche erschweren den Tarifkampf allerdings erheblich. Die IG BAU
hat deshalb allen Neumitgliedern abweichend vom üblichen
Verfahren sofortiges Anrecht auf Streikgeld angeboten. Mit einer
von kurzfristigen punktuellen Arbeitsniederlegungen geprägten
flexiblen Streiktaktik will man allmählich den Druck
erhöhen. In der ersten Streikwoche, die am 20 Oktober begann,
hätten bislang bundesweit 5500 Kollegen an 800 Einsatzstellen
die Arbeit niedergelegt, so Schäfer.
Aufmunternde Worte gab es am Montag von DGB-Chef Sommer. »Wir
stehen hinter euch, und das nicht nur mit Worten, sondern notfalls
auch mit unserer geballten Finanzkraft«, sicherte Sommer den
anwesenden Gebäudereinigern zu. Diese
Tarifauseinandersetzung sei »die erste Nagelprobe, wie sozial
die neue Regierung ist«, fügte er mit Blick auf den
drohenden Wegfall dieses und anderer Branchenmindestlöhne
hinzu. Nach dem Regierungswechsel werde es offensichtlich
»kälter in Deutschland. Und wenn wir nicht kämpfen,
werden sie uns das Fell über die Ohren ziehen«, so
Sommer.