Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde, meine sehr geehrten Damen und Herren,
im Vorfeld dieses
Parteitages ist viel geschrieben worden über die neue Linke, und das
begrüßen wir natürlich sehr, denn besser, sie schreiben viel über uns
als gar nicht. Die LINKE ist auf öffentliche Kommunikation angewiesen.
Im Vorfeld des Parteitages sind auch einige Tricks versucht worden, die
wir aus vielen Jahren kennen. Einer dieser Tricks ist, um etwas Unmut
unter den Delegierten zu schüren, einen Vorsitzenden zum
Alleinherrscher, gar zum Stalinisten zu stilisieren. Ich möchte dazu
folgendes sagen: Wir haben nicht umsonst den Mitgliederentscheid in
Richtungsentscheidungen zur Grundlage unserer Parteiarbeit gemacht. Die
LINKE ist eine demokratische Partei. Die Weichenstellung erfolgt durch
die Mitglieder und nicht durch einzelne Personen in dieser Partei.
Wir
sind eine Partei von 73.500 Mitgliedern, das ist überhaupt keine Frage.
Natürlich braucht eine Partei auch Führungsfiguren. Wir sind aber nicht
nur eine Führungsfigur, wir sind ein Team. Wir sind auch die Partei von
Lothar Bisky und wir sind an diesem Tag besonders die Partei von Gregor
Gysi. Die Angriffe der Öffentlichkeit auf ihn weisen wir ganz
entschieden zurück!
Im Vorfeld des Parteitages gab es auch
Schmeichelhaftes über uns. Wir konnten lesen, dass die LINKE das
erfolgreichste Parteiprojekt der letzten Jahrzehnte sei und dass wir
mehr und mehr die Agenda der deutschen Politik bestimmen. Das könnte
eine Versuchung für uns sein, uns zufrieden zurückzulehnen. Aber schon
der Blick über die Grenze zeigt, dass wir dann einen großen Fehler
machen würden. Denn während wir hier in Deutschland zulegen, ist in
Italien die Rifondazione Communista nach der letzten Wahl nicht mehr im
Parlament vertreten, und die Partei Veltronis wurde von Berlusconi
deutlich geschlagen. In Spanien wurde die Izquierda Unida
marginalisiert, während die PSOE noch eine relative Mehrheit schaffte.
In Frankreich erlebte die KPF bei der Präsidentschafts- und bei den
Parlamentswahlen verheerende Niederlagen. Und die Partie Socialiste
befindet sich in einem Klärungsprozess mit offenem Ausgang.
Wenn
wir die Frage beantworten wollen, wie wir uns im Konzert der anderen
Parteien behaupten wollen, dann gibt es für mich eine klare Antwort:
Die LINKE braucht immer ein eigenständiges Profil. Wenn sie dieses
eigenständige Profil nicht hat, dann wird sie nicht überleben! Viele
Politiker der Europäischen Linken blicken daher voller Hoffnung auf
Deutschland und fragen sich, warum es bei uns zu dieser Entwicklung
kam. Sie erwarten, dass die LINKE in Deutschland zu einer beständigen
Kraft wird, von der Impulse für die gesamte europäische Linke ausgehen.
Das zeigt, liebe Freundinnen und Freunde, die Größe unserer
Verantwortung. Es ist tatsächlich so: Viele in Europa blicken jetzt auf
uns und hoffen und bangen mit uns, dass dieses Projekt, DIE LINKE in
Deutschland, zum Erfolg geführt wird. Wir tragen nicht nur nationale
Verantwortung, wir tragen europäische Verantwortung. Und ich wünsche
uns, dass wir dieser Verantwortung gerecht werden.
In diesem
Zusammenhang sind wir heute stolz auf unseren Landesverband Berlin. Die
Enthaltung Berlins im Bundesrat war notwendig, um ein Signal zu geben,
dass da sagt: Die Mehrheit der Franzosen, die Mehrheit der Holländer,
die diesen Vertrag abgelehnt haben, sie haben zumindest in Deutschland
eine Stimme, das ist die Partei DIE LINKE!
Trotz der
beachtlichen Vorberichterstattung können wir natürlich beim näheren
Hinsehen mit der Entwicklung in Deutschland nicht zufrieden sein. Auf
der einen Seite übernehmen die anderen Parteien Punkt für Punkt in
reduzierter Form Vorschläge der Linkspartei – bei Arbeitslosengeld,
Rente, Kinderzuschlag, Wohngeld, Mindestlohn, Pendlerpauschale,
Einkommenssteuertarif, Beseitigung der kalten Progression, Erhöhung von
Regelsatz und Schonvermögen bei Hartz IV oder bei der Regulierung der
Energiepreise. Die Aufzählung ist nicht vollständig. Ich will an dieser
Stelle etwas sagen: Wenn wir lesen, dass die anderen Parteien
Programmpunkte von uns übernehmen, dann passt es nicht zusammen, wenn
einige in der Vorberichterstattung immer noch sagen, wir hätten ja gar
kein Programm. Also beides zusammen, verehrte Kolleginnen und Kollegen
des Journalismus, geht nicht. Entweder die anderen übernehmen
Programmpunkte von uns oder wir haben kein Programm. Aber beides
zusammen geht nicht!
Damit es einfacher ist, sich jetzt
Programmpunkte der Alltagsarbeit zu merken, hat die Bundestagsfraktion
einen Flyer ausgelegt, den jeder sich nehmen kann – 100 Programmpunkte,
die die Bundestagsfraktion eingebracht hat. Das ist vielleicht ein
bisschen wenig. Aber wenn die anderen diese übernommen haben, hat
Deutschland ein anderes Gesicht. Mehr wollen wir doch gar nicht. Bitte,
guckt euch die 100 Programmpunkte der LINKEN an!
Obwohl die
neoliberale Hegemonie aus der öffentlichen Debatte verschwunden ist und
bescheidene Korrekturen im sozialen Bereich in Angriff genommen wurden,
ist die bisherige Bilanz der Großen Koalition mehr als ernüchternd. Die
Umverteilung von unten nach oben dauert unvermindert an. Über die
Mehrwertsteuer werden bei Rentnerinnen und Rentnern, Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmern und Empfängern sozialer Leistungen jährlich 22
Milliarden abkassiert. Nach der erneuten Unternehmenssteuerreform und
dem Senken der Arbeitslosenversicherungsbeiträge, was oft übersehen
wird – die Hälfte geht an die Unternehmen – wurden den Unternehmen
jährlich derselbe Betrag, also 22 Milliarden Euro, gegeben, der den
Konsumenten genommen wurde. Und das, obwohl die Gewinne in den letzten
Jahren explodierten. Also letztendlich, eine Umverteilung von 22
Milliarden, die man nimmt, und 22 Milliarden, die man gibt. Da kann man
sich doch nicht mehr wundern, weil das seit vielen Jahren so geht, dass
der Armutsbericht solche Zahlen ausweist! Der Armutsbericht ist doch
ein Zeugnis über eine Regierung! Der Armutsbericht ist das
Armutszeugnis dieser Bundesregierung und der Vorgängerregierung!
Aufgrund
der von CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen zu verantwortenden verheerenden
Arbeitsmarktgesetzgebung ist der Niedriglohnsektor in diesem Jahr der
größte unter den OECD-Staaten. Ich wiederhole das noch einmal: Im Jahr
2005 lagen wir noch hinter den Vereinigten Staaten. Heute liegen wir
beim Niedriglohnsektor an der Spitze unter allen OECD-Staaten. Fast
jeder vierte Beschäftigte arbeitet zu einem Lohn von 15.000 Euro
jährlich oder darunter. Das ist nach der Definition der
Niedriglohnsektor. Und wer einen Monatslohn von 1000 Euro hat, darf im
Alter mit einer Armutsrente von 400 Euro rechnen. Wenn es nichts
anderes gäbe als das – dass heute eine Verkäuferin, die 1000 Euro
verdient, nur eine Rente von 400 Euro zu erwarten hat, in Dänemark bei
dem selben Lohn eine Rente von 1200 Euro, also das Dreifache – wenn es
nur das gäbe, dann wäre allein das Grund genug für uns zu kämpfen und
unermüdlich dafür einzutreten, dass dieser gesellschaftspolitische
Skandal beendet wird. Wir wollen armutsfeste Renten!
Und was oft
übersehen wird: Die Lohnquote, also der Anteil der Löhne und Gehälter
am Volkseinkommen, ist seit dem Jahr 2000 von 72 Prozent auf nunmehr 64
Prozent gefallen. Das sagt im Grunde genommen alles! Ohne diese
Talfahrt der Lohnquote hätten die Beschäftigten 135 Milliarden Euro
mehr Lohn. Staat und Sozialkasse würden davon rund die Hälfte als
Steuern und Abgaben einnehmen. Man sieht also, wie ein zu langsames
Wachsen der Löhne, und das haben wir seit 20 Jahren, die strukturelle
Situation eines Staates und einer Gesellschaft total verändern kann.
2,5 Millionen Kinder leben in Armut. Die negative soziale Auslese
unseres dreigliedrigen Schulsystems ist erschreckend. Und nach wie vor
gilt in unserer reichen Gesellschaft: Weil du arm bist, musst du früher
sterben. Wo bleibt da das Positive, könnte einer fragen. Ja, sicher,
unsere Wirtschaft wächst. Und die Kanzlerin ist viel im Ausland und
wird freundlich empfangen. Aber weil Leiharbeit, befristete
Arbeitsverträge, Aufstocker, Mini- und Midijobs zunehmen, will der
Aufschwung bei der Bevölkerung einfach nicht ankommen. Ein Aufschwung
für wenige, den wollen wir nicht! Wir wollen einen Aufschwung für die
Mehrheit, sonst ist es kein Aufschwung!
Deutschland, das zur
Zeit Willy Brandts eine in der Welt allseits geachtete Friedensmacht
war, beteiligt sich weiter an den völkerrechtswidrigen Kriegen im Irak
und in Afghanistan und ist beim Rüstungsexport, Lothar hat bereits
darauf hingewiesen, auf Platz 3 gelandet. Waffen im Wert von 7,7
Milliarden wurden im Jahre 2006 exportiert. Aber das Schlimme: Davon
sind Waffen im Wert von 1,5 Milliarden, die in Entwicklungsländer
geliefert wurden, in denen die Menschenrechte nicht gewährleistet sind.
Als Umwelt- und Menschenrechtspolitikerin ist die Bundeskanzlerin
genauso glaubwürdig wie die Kriegs-Grünen. Wer glaubwürdig
Menschenrechte vertreten will, darf nicht Waffen in Entwicklungsländer
und in Spannungsgebiete liefern!
Unser Partei, liebe Freundinnen
und Freunde, ich sage das trotz der Erfolge, die hier berichtet worden
sind, ist kein Selbstzweck. Wir wollen Politik verändern. Anders
gesagt: Wir wollen die Lebensbedingungen der Menschen verbessern. Um
dabei erfolgreich zu sein, müssen wir aus der Geschichte und den
Erfahrungen der Arbeiterbewegung lernen. Dabei ist es
selbstverständlich wichtig, angesichts unserer Vorgeschichte und
unserer Zusammensetzung die Geschichte der DDR aufzuarbeiten und daraus
Konsequenzen zu ziehen. Sicher, in der DDR gab es auch Fortschritte –
mehr soziale Gleichheit, mehr Gleichstellung der Frauen in Beruf und
Gesellschaft, mehr soziale Sicherung, ein besseres Gesundheitswesen und
eine gute Schulbildung. Aber die DDR ist auch gescheitert, weil sie
kein Rechtsstaat war, weil sie keine Demokratie war und weil die
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu wenig Mitbestimmung hatten. Das
sind aber unverzichtbare Bestandteile einer Gesellschaft, in der die
freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung
aller ist. Dies ist die Lehre aus der Geschichte der DDR.
Für
uns aber, liebe Freundinnen und Freunde, ist es genauso wichtig, die
Erfahrungen der Arbeiterbewegung in kapitalistischen Gesellschaften
aufzuarbeiten. Wir würden einen Fehler machen, wenn wir uns von unseren
Gegnern dazu drängen ließen, unseren Blick auf die 40 Jahre der DDR im
letzten Jahrhundert zu verengen. Nach der Fusion zweier linker Parteien
ist es notwendig, sich stets zu vergegenwärtigen, warum sich
beispielsweise die Arbeiterbewegung vor 90 Jahren gespalten hat. Die
Antwort ist untrennbar mit dem Wirken von Karl Liebknecht und Rosa
Luxemburg verbunden, deren politisches Vermächtnis uns heute mehr denn
je verpflichtet: Liebknechts "Nieder mit dem Krieg!" fand seine
Entsprechung in Willy Brandts Nobelpreis-Rede, in der er den Krieg die
"ultima irratio" nannte. Im Gegensatz dazu ist der Krieg für die
anderen Bundestagsparteien einschließlich der SPD wieder die "ultima
ratio". Wir bleiben dabei: Krieg ist kein Mittel der Politik! Von
deutschem Boden darf niemals wieder Krieg ausgehen!
Die NATO,
liebe Freundinnen und Freunde, war einst ein Verteidigungsbündnis.
Inzwischen ist sie zu einem Interventionsbündnis unter Führung der
Vereinigten Staaten geworden. Zur Führungsmacht des Westens, sagte
Michail Gorbatschow kürzlich im "Daily Telegraph". Die USA können kein
anderes Land dulden, das unabhängig handelt. Jeder US-Präsident braucht
seinen Krieg. Er habe manchmal das Gefühl, dass die USA beabsichtigen,
einen Krieg gegen die ganze Welt zu führen. Das muss doch auch als
Wahrheit endlich einmal im Westen ankommen, was Michail Gorbatschow
hier formuliert hat. Wir, die LINKE, wir wollen keine Außenpolitik, die
auf die militärische Eroberung von Rohstoffquellen und Absatzmärkten
setzt. Eine NATO, die überall in der Welt interveniert und das
Völkerrecht bricht, lehnen wir ab! Stattdessen brauchen wir ein System
der kollektiven Sicherheit, in dem die Partner im Falle eines Angriffs
einander beistehen, und in dem sie sich jeder Gewaltandrohung oder
–anwendung enthalten, die mit den Zielen der Vereinten Nationen nicht
vereinbar ist. Aber noch wichtiger ist, endlich abzurüsten, nicht
weiter aufzurüsten und die Atomwaffen aus dieser Welt zu verbannen!
Darauf sollten die Staaten der Welt ihre Anstrengungen konzentrieren!
Viel
eher als Kampftruppen, die weltweit eingesetzt werden, bräuchte
Deutschland Hilfstruppen, die bei Katastrophen wie in Myanmar oder
China zur Stelle wären, um Menschen zu helfen und ihre Not zu lindern.
Lasst uns solche Hilfstruppen zum Markenzeichen der LINKEN machen, wenn
es um das Eintreten für Menschenrechte in aller Welt geht. Wir würden
so die Lehre aus der Geschichte dieses Landes im vorigen Jahrhundert
ziehen.
Rosa Luxemburg, liebe Freundinnen und Freunde, war eine
große Visionärin. Und so, als ahnte sie die Fehler, die die
Arbeiterbewegung im Staatssozialismus und Kapitalismus machen würde,
schrieb sie uns ins Stammbuch: Gleichheit ohne Freiheit ist
Unterdrückung. Und Freiheit ohne Gleichheit ist Ausbeutung. Sie gab
eine klare Antwort auf die oft gestellte Frage, was demokratischer
Sozialismus ist. Demokratischer Sozialismus ist eine Gesellschaft, die
auf Freiheit und Gleichheit gegründet ist, eine Gesellschaft ohne
Ausbeutung und Unterdrückung. Was Gleichheit ohne Freiheit hieß,
erlebten die Ostdeutschen in der DDR. Und was Freiheit ohne Gleichheit
bedeutet, erleben heute die Hartz-IV-Empfänger, die Leiharbeiter, die
in Armut lebenden Kinder oder die Verkäuferinnen im Supermarkt, die in
Minijobs beschäftigt sind und bis auf die Toilette von Kameras
überwacht werden. Das ist Freiheit ohne Gleichheit.
Einige
Berichte in der Presse über die Freiheit veranlassen mich doch zu einer
Klarstellung. Manchmal muss man es auch mit der Logik halten können,
wenn man sich zu solchen Fragen äußert. Im ersten Semester der
Mathematik lernten wir, dass viele Schlüsse nach folgendem Muster
verlaufen: Hier sitzt ein Floh, jetzt brülle ich ihn an – er hüpft.
Dann reiße ich ihm die Beine aus und brülle ihn wieder an, dann hüpft
er natürlich nicht mehr. Also hört er mit den Beinen – Nach solcher
Logik verläuft die Schlussfolgerung vieler, die sich zu bestimmten
Fragen in der Öffentlichkeit äußern. Was meine ich damit? Wenn man sich
zur Begrifflichkeit äußern will, muss man zwei Termini kennen und die
heißen nun einmal: hinreichend und notwendig. Und für die Freiheit gilt
folgendes: Notwendig für die Freiheit ist selbstverständlich die
politische Freiheit und die geistige Freiheit. Notwendig für die
Freiheit ist selbstverständlich die soziale Gleichheit, denn es ist nun
einmal richtig, den Aidskranken in Afrika nützt die politische und
geistige Freiheit wenig. Aber hinreichend für die Freiheit sind nur
beide zusammen. Soziale Gerechtigkeit und politische und geistige
Freiheit. Nur beide zusammen sind hinreichend. Eines allein geht nicht!
Nach dem Untergang des Staatssozialismus ist es die Aufgabe der
LINKEN in der Gesellschaft, mehr Gleichheit und weniger Ausbeutung
durchzusetzen. Zu Recht sah der italienische Philosoph Norberto Bobio
in der Gleichheit den zentralen Wert linker Parteien. Und im Blick auf
die CDU/CSU füge ich hinzu, der von ihnen als Gleichmacherei
diffamierte Begriff ist im europäischen Abendland zweifelsfrei auf das
Christentum, auf die Lehre von der Gleichheit aller Gotteskinder
zurückzuführen. Ich erinnere an meine Rede auf dem Gründungsparteitag.
Die wörtliche Übersetzung des "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst"
aus dem Hebräischen lautet: Du sollst deinen Genossen lieb haben, dir
gleich.
Nun ist es leicht für die LINKE, liebe Freundinnen und
Freunde, in Programmen mehr Freiheit und Gleichheit in unserer heutigen
Gesellschaft zu fordern. Viel schwieriger, und darüber möchte ich heute
reden, ist es, sie durchzusetzen. Und wenn man fragt warum, dann lohnt
es sich wieder in unserer Geschichte zurückzublicken. Beispielsweise
auf den Zeitpunkt, an dem die Arbeiterbewegung sich spaltete. Für
Sebastian Haffner war "die deutsche Revolution von 1918/19 eine
sozialdemokratische Revolution, die von der sozialdemokratischen
Führung niedergeschlagen wurde. Ein Vorgang, der in der Weltgeschichte
kaum seinesgleichen hat." Eine kurze Episode zeigt, in welchem Ausmaß
sich die damalige SPD-Führung mit der bestehenden Ordnung
identifizierte. Auf die Frage des Reichskanzlers Max von Baden "Habe
ich Sie auf meiner Seite im Kampf gegen die soziale Revolution",
antwortete der Sozialdemokrat Friedrich Ebert: "Wenn der Kaiser nicht
abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will
sie nicht, ja ich hasse sie wie die Sünde." So handelte er dann auch.
Von Januar bis Mai 1919 tobte in Deutschland ein blutiger Bürgerkrieg,
der Tausende von Todesopfern und große Bitterkeit hinterließ. Er
stellte die Weichen für die unselige Geschichte der Weimarer Republik
und führte zur endgültigen Spaltung der Arbeiterbewegung. Sicher,
Geschichte wiederholt sich nicht. Aber 80 Jahre später setzte ein
sozialdemokratischer Bundeskanzler die größte Sozialkürzung der
Bundesrepublik Deutschland durch und beteiligte sich wieder an
völkerrechtswidrigen Kriegen. Ich erinnere an diese beiden Abschnitte
der Arbeiterbewegung, weil sie unerbittlich die Frage aufwerfen, warum
Politikerinnen und Politiker der Linken in der Geschichte die
Erwartungen ihrer Anhänger so schrecklich enttäuschen. Das ist nicht
eine Frage, die andere sich stellen müssen, das ist eine Frage, die wir
uns stellen müssen! Wenn wir uns diese Frage nicht stellen, dann lernen
wir nicht aus unserer Geschichte und dann können wir keine Lehren aus
der Geschichte ziehen!
Marx und Engels haben in der deutschen
Ideologie einen entscheidenden Hinweis gegeben, warum das so schwierig
ist. "Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die
herrschenden Gedanken. Das heißt, die Klasse, welche die herrschende
materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende
geistige Macht." Diese Analyse der Vordenker der Arbeiterbewegung hatte
Goethe schon seinem Faust vorweg genommen. "Was ihr den Geist der
Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die
Zeiten sich bespiegeln." Will man also, liebe Freundinnen und Freunde,
linke Politik machen, dann muss man den Mut haben, sich seines eigenes
Verstandes ohne Führung eines anderen zu bedienen. Einfacher gesagt:
Man darf nicht vor der Wirtschaft und vor den die Interessen der
Wirtschaft vertretenden Zeitungen und Medien einknicken. Das ist oft
leichter gesagt als getan. Man muss sogar den Mut haben, seine eigene
Sprache zu sprechen.
Und nun ein weiteres interessantes Zitat:
"Es gehört zum heillosen Zustand, dass auch der ehrlichste Reformer,
der in abgegriffener Sprache die Neuerung empfiehlt, durch Übernahme
des eingeschliffenen Kategorieapparates und der dahinter stehenden
schlechten Philosophie die Macht des Bestehenden verstärkt, die er
brechen möchte." Das schrieben Horckheimer und Adorno schon in der
Dialektik der Aufklärung 1947. Mit anderen Worten, die Herausforderung
an die LINKE ist folgende: Wer die Sprache der Herrschenden spricht,
verfestigt die bestehenden Zustände. Und, liebe Freundinnen und
Freunde, das ist eine große Herausforderung.
Ein
Standardbeispiel für diesen Mechanismus ist der Begriff
Lohnnebenkosten. Alle mit uns konkurrierenden Parteien wollen die
Lohnnebenkosten senken. Das heißt, sie wollen das Geld, darauf ist
Lothar bereits eingegangen, für Rentner, Arbeitslose, Kranke und
Pflegebedürftige kürzen. Ein einziger Begriff, nicht die Politikerinnen
und Politiker, ich sage das jetzt sehr zugespitzt, ein einziger Begriff
bestimmte ganz wesentlich die Politik der letzten Jahre. DIE LINKE muss
ihre eigene Sprache finden, besser noch zur Dialektik zurückkehren.
Dialektiker sein, heißt, den Wind der Geschichte in den Segeln haben.
Die Segel sind die Begriffe. Es genügt aber nicht, über die Segel zu
verfügen. Die Kunst ist, sie setzen zu können. Das ist das
entscheidende. – Soweit Walter Benjamin.
Wir haben Begriffe
gesetzt: DIE LINKE, den Mindestlohn, Hartz IV muss weg, wir wollen eine
armutsfeste Rente und die Bundeswehr muss raus aus Afghanistan. Und wir
haben den Wind der Geschichte in unseren Segeln. Das macht unseren
Erfolg aus, liebe Freundinnen und Freunde.
Ist diese von Walter
Benjamin vorgegebene Aufgabe in Angriff genommen und hat man ein Bild
von einer neuen Gesellschaftsordnung, dann gilt es, die
Veränderungsmöglichkeiten der Gesellschaft zu prüfen. Marx sagte dazu:
"Eine Gesellschaftsordnung geht nie unter, bevor alle Produktionskräfte
entwickelt sind, für die sie weit genug ist und neue höhere
Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen
Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst
ausgebrütet worden sind. Leben wir, liebe Freundinnen und Freunde, in
einer solchen Zeit des Übergangs? Was wird heute im Schoße unserer
Gesellschaft ausgebrütet? Wer einen modernen linken Politikentwurf
präsentieren will, muss sich mit dem Kapitalismus im neuen Gewande, dem
finanzmarktgetriebenen Kapitalismus, auseinandersetzen, denn dies ist
die entscheidende Frage unserer Zeit: Wie begegnet Politik dem
finanzmarktgetriebenen Kapitalismus? Unsere Vorschläge zur Regulierung
der Finanzmärkte sind bekannt: